29. DGVT-Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung

The Dark Side of the Moon
Krisen, Traumata... – verlorene Sicherheit zurückgewinnen

Mit dem Kongressthema sollen die „Schattenseiten“ der Gesellschaft und der Menschen in den Blick genommen und ausgeleuchtet werden: Wie können wir Menschen, die durch Krisen, Traumata oder andere Erfahrungen zutiefst verunsichert sind, durch präventive Angebote, Beratung und Therapie wirksam unterstützen? Wie schaffen wir Zugänge und Angebote für Menschen in prekären Lebenslagen? Wie lassen sich gesellschaftliche Krisen und individuelle Traumata durch neue Perspektiven besser verstehen?

Aktuelle Thematik
Im Dezember 2014, als die Planungsgruppe sich auf das Thema des Kongresses geeinigt hat, war noch nicht abzusehen, dass diese Fragestellungen durch aktuelle Entwicklungen eine außergewöhnliche Dynamik entfalten würden. Gerade die Kongresssymposien, die sich mit Themen rund um Migration, Flucht, Traumata und Extremismus beschäftigen, rücken dadurch ganz besonders ins Blickfeld. Nach Angaben des UN-Flüchtlingskommissars sind derzeit 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Das sind die höchsten Zahlen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Neun von zehn Flüchtlingen leben in Entwicklungsländern,
weil die meisten Flüchtlinge in ein angrenzendes Nachbarland fliehen. Ein weitaus kleinerer Teil der Menschen macht sich auf den Weg nach Europa und nach Deutschland. Im Jahr 2015 werden es wohl eine Million Menschen sein, die bei uns Zuflucht gesucht haben. Daraus resultiert eine große Herausforderung und Verantwortung für unsere Gesellschaft – und gleichermaßen für die Politik in Bund, Ländern und Kommunen.

Menschen mit Migrationshintergrund bilden in Deutschland inzwischen mit mehr als 16,5 Millionen ungefähr ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Zu dieser Gruppe werden auch Flüchtlinge und Asylbewerber gezählt. Kernstück aller Maßnahmen der bundes- sowie europaweiten Asyl- und Flüchtlingspolitik muss der Schutz von Flüchtlingen und die Wahrung ihrer verbrieften Menschenrechte sein. Dazu gehört auch eine Gesundheitsversorgung, die den vorliegenden Problem- und Aufgabenstellungen gerecht wird. Die DGVT setzt sich seit ihrer Gründung für
die Entwicklung einer menschenwürdigen psychosozialen und psychotherapeutischen Versorgung ein. Die umfassende medizinische Versorgung und insbesondere psychotherapeutische Hilfe für traumatisierte Menschen stellt angesichts der zahlreichen Flüchtlinge eine besondere Herausforderung dar. Bei den eigentlich zuständigen Stellen und Kostenträgern ist häufig ein eklatanter Mangel an Information und Kompetenz bezüglich der bereits jetzt möglichen und notwendigen Behandlungsoptionen festzustellen. Es wird aber auch kein Weg daran vorbeiführen, dass die bestehenden Versorgungsstrukturen ausgebaut und durch neue Elemente ergänzt werden müssen. Die psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen ist in akuter Gefahr, in einem Streit um Zuständigkeiten und Finanzierung auf der Strecke zu bleiben. Dies ist ein humanitäres Desaster angesichts der vielen Flüchtlinge, die Opfer von Folter, Vergewaltigung, Misshandlung und anderen traumatisierenden Erfahrungen geworden sind.
Die DGVT verlangt grundlegend neue Ansätze in der gesundheitlichen und psychotherapeutischen
Versorgung hierzulande – nicht nur, aber auch mit Blick auf die zu uns kommenden Flüchtlinge.

Zielgruppen im Schatten

Die besten Methoden helfen nicht, wenn gutgemeinte Angebote für bestimmte Personengruppen nicht passen, zum Beispiel für alte Menschen, Menschen, mit einer schweren chronischen Psychose, bipolarer oder Borderline-Störung, die ihre sozialen Netzwerke und Stützsysteme verloren haben, aber auch Menschen, denen unser System fremd ist, wie Migranten und Flüchtlinge.
Statt sich dieser Herausforderung anzunehmen, verschärft die Bundesregierung das Asylrecht. Die Familienzusammenführung durch Nachzug soll erschwert oder in manchen Fällen ganz unterbunden werden. Staaten, in denen sich die Bundeswehr wegen der Sicherheitslage vor Ort im Auslandseinsatz befindet, werden per Dekret zu sicheren Herkunftsländern erklärt. Selbst schwere psychische Erkrankungen, die durch Verfolgung, Folter, Vergewaltigung und andere traumatische Erfahrungen verursacht wurden, sollen die Opfer nicht mehr vor einer Abschiebung bewahren. In einer solchen Situation müssen wir unsere Stimmen erheben und uns einmischen.

Vielseitiges Programm
Zugleich wollen wir aber auch andere Themen der klinischen Psychologie, Psychotherapie und Beratung nicht aus den Augen verlieren. Deshalb wenden wir uns auch bei diesem Kongress neuen Forschungsergebnissen und Behandlungsansätzen ebenso zu wie gesundheits- und sozialpolitischen Fragestellungen und den Herausforderungen einer guten psychotherapeutischen Ausbildung. Und auch das Rahmenprogramm hält wieder attraktive und niveauvolle Angebote für die Kongressteilnehmer bereit.

Wir wünschen Ihnen allen einen anregenden, diskussionsfreudigen Kongress und erlebnisreiche Tage in Berlin!

Vorstand und Kongressplanungsgruppe
Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e. V.