Neue Bindungen wagen – über Beziehungs- und Netzwerkarbeit Vertrauen zurückgewinnen

DATUM:;Sonntag, 28. Februar 2016
ZEIT:;10:30 – 12:30 Uhr
RAUM:;L 113
PLANUNG UND MODERATION:;Silke Gahleitner (Krems/Österreich), Annett Kupfer (Dresden)

Erschütterung über schwerwiegende Krisen führt häufig zu einer Zentrierung auf Schäden und Verletzungen. Dabei gerät oft aus dem Fokus, dass Betroffene mit den gemachten Erfahrungen ihr Leben weiter bestreiten müssen und dies Vielen unter großen Anstrengungen auch gelingt. Eine pathogenetische Sichtweise erschwert jedoch, Bewältigungsstrategien aufzufinden, die eine positive Verarbeitung unterstützen. An erster Stelle stehen hier soziale und professionelle Unterstützungs- und Netzwerkprozesse. Obwohl diese Erfahrung von vielen KollegInnen aus der Praxis und Forschung geteilt werden, gibt es nach wie vor viel Unklarheit darüber, wie soziale und professionelle Unterstützungs- und Netzwerkprozesse sich im Detail gestalten bzw. gestaltet werden müssten. Die Unsicherheiten und Unklarheiten verweisen u.a. auf die Schwierigkeit, die Komplexität des Bindungs-, Beziehungs- und Vertrauensgeschehens in prägnanten theoretischen Konzepten und Theorien zu verorten.
Das Panel legt seinen Schwerpunkt auf Forschung und Praxiserfahrung rund um das Zusammendenken notwendiger Wissensbestände für eine professionelle Beziehungs- und Umfeldgestaltung – insbesondere für KlientInnen, die bereits vielfach Beziehungsabbrüche und Vertrauensmissbrauch erlebt haben.

REFERATE:

Marion Mayer (Berlin)

„Nach Vertrauen greifen“: Vertrauensdimensionen in Therapie und Beratung

Vertrauen kann als Bestandteil einer Praxis verstanden werden, die Beziehungsgestaltung überhaupt erst ermöglicht. Die Auseinandersetzung mit Vertrauen als komplexes, interaktives Handeln und Gestalten fließt damit in die Beziehungsarbeit grundsätzlich mit ein. Am Beispiel einer Fallvignette aus der „Arbeit am Tonfeld“ (nach H. Deuser) wird den Fragen nach den einzelnen Aspekten der Praxis der Vertrauensarbeit nachgegangen.

Annett Kupfer, Kathy Weinhold (Dresden)

(Dis-)Embedding in Beratung und Therapie: Beziehungschancen wahrnehmen und gestalten

Der Erfolg von Beratung und Therapie hängt nicht nur von der professionellen Hilfebeziehung oder den angewendeten Methoden und Techniken ab, sondern wird zu einem Großteil (40 %) auch von Faktoren außerhalb des professionellen Hilfegeschehens beeinflusst. Hinter diesen „außertherapeutischen“ Faktoren verbergen sich u.a. die persönlichen Beziehungen der Klient_innen/ Patient_innen, die sowohl generelle soziale Einbettung und Integration ermöglichen als auch konkrete Hilfe und Unterstützung (praktisch, emotional etc.) in Belastungssituationen bereitstellen. Soziale Netzwerkbezüge bergen damit auch wichtige Ressourcen für die Gestaltung und Effektivität professioneller Hilfeprozesse. Ausgehend von 112 qualitativen Interviews mit Beratungs- und Therapieklient_innen sowie Berater_innen und Therapeut_innen wird analysiert, wie Ratsuchende ihre persönlichen Beziehungen im Kontext von professioneller Hilfe erleben und wie professioneller Helfer_innen die potentiellen Beziehungschancen wahrnehmen und gestalten.

Sandra Wesenberg, Romy Simon (Dresden)

"Hard-to-reach"? - Mensch-Tier-Interaktionen als Weg (zurück) in supportive persönliche Beziehungen

In den letzten Jahren nehmen tiergestützte Interventionen in der Kinder- und Jugendpsychotherapie sowie -psychiatrie deutlich zu. Gerade wenn andere psychosoziale Interventionen scheitern, wenn Jugendliche für 'konventionelle' Hilfen unerreichbar scheinen oder zwischenmenschliche Beziehungen hoch belastet sind, können Mensch-Tier-Interaktionen an Bedeutung gewinnen. Anhand eines Fallbeispiels und eines Überblicks über internationale Studien sollen zentrale Wirkungen tiergestützter Interventionen vorgestellt und analysiert werden. Von besonderem Interesse scheint hier die Frage, inwiefern über die Interaktion mit Tieren zwischenmenschliche Kontakte und eine (Re)Integration in soziale Netzwerke befördert werden kann. Es sollen Potentiale, aber auch Grenzen der tiergestützten Arbeit diskutiert werden.

Silke Birgitta Gahleitner, Katharina Gerlich (Krems/Österreich)

Wagnis Ausstieg aus dem Frauenhandel: Mit bindungs- und traumasensibler Netzwerkarbeit den Zyklus der Gewalt durchbrechen

Trotz zahlreicher Maßnahmen bleiben durchschlagende Erfolge in der Ausstiegsunterstützung für Opfer von Frauenhandel aus. Zu den bisher ungelösten Problemen gehört, Frauen aus organisierten Verbrechenszusammenhängen zu erreichen, ihr Vertrauen zu gewinnen, ihnen alternative Beziehungen und Einbettungen zu ermöglichen und das Gewaltsystem durchbrechen zu helfen. Sicherheit und Vertrauensbildung müssen sich dafür – so ein Ergebnis einer empirischen Studie – entlang Überlegungen aus der Bindungs-, Beziehungs-, Vertrauens- und Netzwerktheorie konsequent aus einer Verknüpfung der Begegnungsebene mit einerseits Helfer_innen im Einzelkontakt und mit andererseits institutionellen Vorgehensweisen auf der Systemebene herstellen. Eine zugewandte, umfassend für diesen Einsatzbereich geschulte Grundhaltung der psychosozialen Helfer_innen als ‚persönlich ansprechbare Vertrauenspersonen‘ ist dafür Voraussetzung. Dazu gehört auch die Absicherung eines rechtlich und finanziell abgesicherten Aufenthaltes im Zielland. Die Ergebnisse des Projekts werden in Auszügen präsentiert und mit den Panelteilnehmer_innen diskutiert.