Frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen: Wie häufig? Wie bedeutsam? Wie behandelbar?

DATUM:;Sonntag, 28. Februar 2016
ZEIT:;10:30 – 12:30 Uhr
RAUM:;HS 1a
PLANUNG UND MODERATION:;Eva-Lotta Brakemeier, Norbert Kathmann (Berlin)

Biographisch frühe Traumatisierungen in Form von Vernachlässigung und Missbrauch rücken seit einigen Jahren ins Zentrum der Forschung. Doch wie häufig kommen frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen tatsächlich bei psychisch kranken Patienten vor? Wie bedeutsam sind sie und wie können sie behandelt, korrigiert bzw. gar geheilt werden?
Das Symposium soll durch den ersten Vortrag den aktuellen Forschungsstand zur Häufigkeit und Art von frühen traumatisierenden Beziehungserfahrungen bei verschiedenen psychischen Störungen zusammenfassen und zwei neue Studien präsentieren. Es werden episodisch und chronisch depressive Patienten, Patienten mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung, Schmerzpatienten sowie gesunde Probanden hinsichtlich Ausprägung und Art der frühen Traumatisierungen miteinander verglichen.
Der zweite Vortrag widmet sich der Gruppe der Zwangspatienten. Abgesehen von der Häufigkeit wird hier untersucht, ob frühe Traumatisierungen das Ansprechen auf eine ambulante KVT-Therapie zur Behandlung der Zwangsstörung beeinflussen.
Die beiden letzten Vorträge stellen praxisnah das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy vor, welches explizit konzeptualisiert wurden, um frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen zu bearbeiten bzw. zu heilen. Im Vortrag wird besonders herausgearbeitet, wie Patienten mit Persönlichkeitsstörungen (insb. der Borderline PKS) von dieser Beziehungsgestaltung profitieren können. Im letzten Vortrag werden schließlich Prädiktoren von Reviktimisierung nach interpersonellen Traumatisierungen im Kinderund Jugendalter vorgestellt. Basierend auf einem spezifisch angepassten biopsychosozialen Reviktimisierungsmodell werden empirische Ergebnisse zu spezifischen Risikofaktoren dargestellt und therapeutische Ableitungen für die Praxis diskutiert.
Abschließend wird diskutiert, ob und unter welchen Bedingungen bzw. bei welchen Patienten ‚die verlorene Sicherheit’ ausgelöst durch frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen zurück gewonnen werden kann (vgl. Motto des Kongresses).

REFERATE:

Elena Surmeli, Jana Dobias & Eva-Lotta Brakemeier (Berlin)

Wie häufig sind welche frühen traumatisierende Beziehungserfahrungen bei verschiedenen psychischen Störungen?

Hintergrund: Frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen stellen einen Risikofaktor für die Entwicklung komplexer und anhaltender psychischer Störungen im Erwachsenenalter, wie Borderline-Persönlichkeitsstörung oder chronische Depression, dar. Nur wenige Studien erfassen das Auftreten früher Traumatisierungen im transdiagnostischen Vergleich.
Einleitend wird der aktuelle Forschungsstand zur Häufigkeit früher traumatisierender Beziehungserfahrungen in der Bevölkerung sowie bei verschiedenen psychischen Störungen veranschaulicht. Die Darstellung schließt die Frage nach dem spezifischen Zusammenhang zwischen bestimmten psychischen Störungsformen und bestimmten Ausprägungstypen früher Traumatisierungen mit ein.
Anschließend werden zwei neue Studien präsentiert, in denen frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen anhand des „Childhood Trauma Questionnaire (CTQ)“ erfasst wurden.
Methodik: In Studie 1 werden das Auftreten früher Traumatisierungen hinsichtlich Häufigkeit, Art und Schwere bei weiblichen Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD), chronischer Depression (CD), episodischer Depression (ED) sowie gesunden Frauen in einer Mulitcenterstudie (n=193) verglichen. Ergebnisse: Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung weisen die höchste Belastung bezogen auf Häufigkeit und Schwere früher Traumatisierungen auf gefolgt von CD, ED und gesunden Frauen. Es finden sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Patientinnen mit episodischer und chronischer Depression bezüglich der verschiedenen Traumaarten.
Methodik: In Studie 2 werden 70 SchmerzpatientInnen hinsichtlich Art und Häufigkeit früher Traumatisierungen im Vergleich zu Gesunden und zu chronisch Depressiven untersucht. Zudem werden mögliche Geschlechtereffekte analysiert. Ergebnisse: PatientInnen mit chronischen Schmerzen sind in den Bereichen emotionale und körperliche Vernachlässigung schwerer betroffen als Gesunde, aber weniger betroffen als chronisch Depressive. Frauen mit chronischen Schmerzen zeigen sich als schwerer von emotionaler Vernachlässigung betroffen als Männer.
Diskussion:  Es werden Unterschiede in der Ausprägung und Art der retrospektiv berichteten frühen Traumatisierungen zwischen den Diagnose-Gruppen deutlich. Künftige Studien sollten ein breiteres Spektrum an Störungskategorien in die Analyse einbeziehen, um die Bedeutsamkeit früher Traumatisierungen als transdiagnostische Einflussvariable auf Komorbidität, Chronizität, Schwere und Behandlungsverlauf (insb. von Psychotherapien) einschätzen können.

Rebecca Knoop, Benedikt Reuter, Eva Kischkel, Norbert Kathmann (Berlin)

Frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen bei Patienten mit Zwangsstörungen: Häufigkeit und Bedeutsamkeit für das Ansprechen auf eine KVT-Therapie

Einleitung: Für verschiedene psychische Störungen gelten interpersonelle Traumatisierungen in Kindheit und Jugend als anerkannte Risikofaktoren. Im Bereich der Zwangserkrankungen liegen bisher nur wenige Befunde hinsichtlich der Häufigkeit und Bedeutung früher Traumatisierungen vor. Zudem gibt es Hinweise, dass sich frühe Traumatisierungen auf Prognose und Verlauf auswirken können und häufig mit einem ungünstigeren Therapieergebnis verbunden sind. Die diesbezüglich vorliegenden Untersuchen beruhen jedoch auf rein symptomzentrierten Ansätzen. Das Ziel der vorliegenden Untersuchung besteht daher darin, die Häufigkeit verschiedener Formen kindlicher Traumatisierungen und etwaige Zusammenhänge mit der Zwangssymptomatik sowie deren prognostische Relevanz zu untersuchen.
Patienten und Methode: Es werden die Daten von 106 Zwangserkrankten in ambulanter Behandlung (multimodale Verhaltenstherapie in der Spezialambulanz für Zwangsstörungen - mit oder ohne adjuvanter Pharmakotherapie) einbezogen. Frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen wurden über den Childhood Trauma Questionnaire (CTQ) erhoben. Neben einer ausführlichen Eingangsdiagnostik erfolgt eine regelmäßige Verlaufskontrolle zur Erfassung der Zwangssymptomatik sowie anderer psychopathologischer Symptome (u.a. Yale Brown Obsessive-Compulsive Scale, Y-BOCS; Montgomery Asberg Depression Rating Scale, MADRS) erfasst.
Ergebnisse: Knapp die Hälfte der Patienten erlebte emotionale Vernachlässigung, ein Drittel emotionalen Missbrauch. 29% gaben zudem körperliche Vernachlässigung an. Körperliche Misshandlung und/oder sexuelle Gewalt wurden von 14% der Befragten angegeben. Die statistische Auswertung der Eingangsdiagnostik und Verlaufsdaten werden im März 2016 vorliegen.
Schlussfolgerung: Die bisherigen Ergebnisse weisen darauf hin, dass interpersonelle Traumatisierungen in Kindheit und Jugend auch bei Zwangserkrankten relativ häufig vorliegen. Insbesondere emotionale Vernachlässigung und emotionaler Missbrauch wurden häufig berichtet. Inwiefern sich diese Erfahrungen auf die Zwangssymptomatik sowie den Behandlungsverlauf auswirken, wird im Vortrag erläutert. Empfehlungen für die Behandlung dieser Patienten sollen gegebenfalls diskutiert werden.

Simon Bollmann, Jan Spies, Johannes Zimmermann & Eva-Lotta Brakemeier (Berlin)

Die interpersonelle Mauer überwinden: CBASP als Behandlungsstrategie gegen frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen bei chronisch depressiven Patienten mit Persönlichkeitsstörungen

Hintergrund: Bei Patienten mit einer chronischen Depression (CD) lassen sich häufig auch eine oder mehrere Persönlichkeitsstörungen (PKS) komorbid diagnostizieren. Viele dieser Patienten beschreiben, dass sie sich bereits als Kind depressiv und ‚anders als die anderen’ gefühlt haben. Durch die Kenntnisse ihrer frühen traumatisierenden Beziehungserfahrungen (häufig emotionale Vernachlässigung und emotionaler Missbrauch) wird die Entwicklung der Störungen verständlich, jedoch behindert das gleichzeitige Auftreten von chronischer Depression und PKS häufig den Aufbau der therapeutischen Beziehung und den Therapiefortschritt. Das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) von James McCullough ist bisher die einzige Psychotherapie, welche spezifisch für diese Patientengruppe entwickelt wurde, wobei CBASP schulenübergreifend behaviorale, kognitive, psychodynamische und interpersonelle Strategien integriert. Zudem stellt CBASP eine nicht-neutrale, persönliche, involvierte, offene Art der Beziehungsgestaltung bereit: das disziplinierte persönliche Einlassen (DPE). Durch das DPE kann der Therapeut bei interpersonell schwierigen Verhaltensweisen dem Patienten offen mitteilen, welche Gefühle und Reaktionstendenzen die Verhaltensweisen in ihm auslösen, was korrigierende heilsame Beziehungserfahrungen ermöglichen soll.
Fragestellung: Wie profitieren Patienten mit CD und PKS von einer stationären CBASP-Behandlung kurz- und langfristig? Moderieren die Anzahl oder die Art der PKS bzw. der frühen Traumatisierung das Ansprechen? 
Methoden: 70 Patienten wurden im Rahmen einer offenen Pilotstudie im 12-wöchigen stationären CBASP-Konzept behandelt. Mittels Fremd- und Selbstbeurteilungsinstrumenten wurde bei Aufnahme und Entlassung sowie nach 6, 12 und 24 Monaten nach der Entlassung die depressive Symptomatik einschl. anderer Variablen erfasst und analysiert.
Ergebnisse: In den Prä-Post-Analysen zeigt sich ein gutes kurzfristiges Outcome mit einer Responserate von 76% und einer Remissionsrate von 40%. 25% der Patienten erlitten einen Rückfall innerhalb der ersten 6 Monate nach Entlassung. Im Vortrag werden neueste Daten zum Einfluss der und Moderation durch PKS bzw. frühen Traumatisierungen auf die Response- und Rückfallraten berichtet.
Diskussion: Die Ergebnisse werden im Zusammenhang mit ersten klinischen Erfahrungen diskutiert, CBASP mit Strategien der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) in der Behandlung von CD Patienten mit der Borderline PKS zu augmentieren.

Annika Küster, Myoung-Ha Seo, Estelle Bockers, Lars Schulze, Christine Knaevelsrud (Berlin)

Körperliche und sexuelle Reviktimisierung – die moderierende Bedeutung von Bindung im Hinblick auf Risikofaktoren

Hintergrund: Personen mit Missbrauchserfahrung in der Kindheit oder Adoleszenz weisen ein erhöhtes Risiko auf, zu einem späteren Zeitpunkt im Leben interpersonell reviktimisiert zu werden. Empirisch gibt es Hinweise auf potenzielle Risikofaktoren, wie z.B. Risikoerkennung, posttraumatischer Stress und Dissoziation, jedoch zeigen Studien wiederholt inkonsistente Befunde. Neuere Ansätze beschäftigen sich mit dem Bindungskonzept als mögliches Erklärungsmodell. Das Ziel der vorliegenden Studie war es, Risikoerkennung, posttraumatischer Stress, Dissoziation und Annäherungsverhalten als Risikofaktoren und moderierende Einflüsse bindungsbezogener Variablen zu überprüfen sowie weitere Unterschiede zwischen der viktimisierten und reviktimisierten Gruppe zu identifizieren.
Methoden: Es wurden N=86 Frauen zwischen 25 und 65 Jahren in drei Gruppen unterteilt, welche entweder ausschließlich in der Kindheit oder Jugend interpersonell viktimisiert wurden, welche zu einem weiteren Lebensabschnitt durch einen anderen Täter interpersonell reviktimisiert wurden oder welche keine Viktimisierungserfahrung vorwiesen. Durch logistische Regressionsanalysen wurde überprüft, ob posttraumatischer Stress, Dissoziation, Risikoerkennung, Annäherungsverhalten und bindungsbezogene Angst sowie bindungsbezogene Vermeidung die Gruppenzugehörigkeit vorhersagen. Eine zweite und dritte logistische Regressionsanalyse sollten zusätzlich moderierende Effekte der Bindungsvariablen aufdecken sowie weitere Unterschiede zwischen den viktimisierten und reviktimisierten Individuen untersuchen, u.a. bezüglich inner- versus außerfamilärer Missbrauchserfahrung.
Ergebnisse: Das finale logistische Regressionsmodell identifizierte posttraumatischen Stress und bindungsbezogene Vermeidung als signifikante Prädiktoren von Reviktimisierung. Zusätzlich konnten moderierende Effekte von bindungsbezogener Vermeidung bzw. bindungsbezogener Angst auf die Beziehung zwischen Dissoziation bzw. posttraumatischem Stress und Reviktimisierung nachgewiesen werden. Das finale Modell konnte insgesamt 73% der reviktimisierten, 29% der viktimisierten und 86% der nicht-viktimisierten Fälle korrekt klassifizieren. Inner- versus außerfamiliärer Missbrauch konnte als Distinktionsmerkmal zwischen der viktimisierten und reviktimisierten Gruppe nicht bestätigt werden.
Diskussion: Die Bedeutung der gefundenen Ergebnisse für Interventions- und Präventionsansätze sollen im Rahmen des Vortrages diskutiert werden.

Eva-Lotta Brakemeier, Simon Rump, Jan Spies, Anna-Maria Jäger, Simon Bollmann, Johannes Zimmermann & Meyram Schouler-Ocak (Berlin)

Die Interpersonelle Integrative Therapie für Flüchtlinge: Ein Modellprojekt für traumatisierte Flüchtlinge mit psychischen Störungen

Hintergrund: Da in etwa die Hälfte aller Flüchtlinge, die derzeit in Deutschland Schutz suchen, unter psychischen Störungen leiden und insbesondere diesen Menschen die Integration in die Arbeits- und Sozialwelt noch schwerer fallen wird als gesunden Flüchtlingen, wird ein Modellprojekt für psychisch kranke Flüchtlinge mit anerkanntem Asylverfahren implementiert. Durch dieses interkulturelle Kurzzeit-Psychotherapieprogramm sollen zum einen zeitnah und effizient die psychischen Probleme behandelt und dadurch Chronifizierungen sowie Selbst- und Fremdgefährdungen vorgebeugt werden. Zum anderen wird direkt die Integration in die neue Arbeits- und Sozialwelt unterstützt und gefördert.
Fragestellung: Folgende Fragen sollen im Rahmen einer Feasibility Pilot-Studie beantwortet werden: Ist ein derartiges Hilfsprogramm umsetzbar? Wird es von Flüchtlingen und Therapeuten akzeptiert? Wie wirkt es sich auf die psychische Symptomatik, Lebensqualität, das Funktionsniveau und die Integration in die Arbeits- und Sozialwelt aus?
Methoden: In diesem Modellprojekt sollen 30 psychisch kranke erwachsene Flüchtlinge mit anerkanntem Asylverfahren aus Syrien und dem Irak behandelt werden. Es kommt als eine Modifikation der evidenzbasierten Interpersonellen Therapie (IPT) die spezifisch auf die Bedürfnisse und Probleme von Flüchtlingen ausgerichtete ‚Interpersonelle Integrative Therapie für Flüchtlinge’ (IITF) zur Anwendung. Im Rahmen der zwei-monatigen IITF werden fokussiert interpersonelle belastende Themen wie durch die Flucht bedingte schwierige Rollenwechsel, Konflikte, Verluste, Trauer und Isolation bearbeitet. Zudem erhalten die Flüchtlinge intensive multidisziplinäre Unterstützung beim Fokus Integration (durch TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und ErgotherapeutInnen). Bei Indikation erhalten die Patienten auch eine medikamentöse Therapie durch Projektärzte. Professionelle Dolmetscher werden Diagnostik und Therapie unterstützen. Traumatisierte Patienten, bei denen eine IITF Therapie nicht möglich ist bzw. nicht ausreicht, werden an Behandlungszentren vermittelt, welche spezifische Traumatherapie anbieten. 
Ergebnisse und Diskussion: Dieses Modellprojekt startet im November 2015 in Berlin. Im Februar können erste Erfahrungen und Ergebnisse vorgestellt werden. Sollte sich die IITF als gut durchführbar und wirksam erweisen, könnte sie schnell flächendeckend in Berlin und ganz Deutschland als Kurzzeit-Hilfsprogramm eingebettet in einen stepped-care Ansatz verbreitet werden.