Psychische Erkrankung und Familie – Perspektiven für die psychosoziale Praxis

DATUM: Samstag, 03. März 2018
ZEIT: 10:30 – 12:30 Uhr
RAUM: J 32/102
PLANUNG UND MODERATION: Albert Lenz, Patricia Wahl (Paderborn)

Download Referat Kathrin Schulze (PDF)

Die psychische Erkrankung eines Elternteils betrifft immer das gesamte Familiensystem. Die Erkrankung ist nicht isoliert zu betrachten, sondern beeinflusst die Lebenssituation der Kinder in besonderer Reichweite und in vielen Lebenslagen. Kinder, deren Elternteil psychisch erkrankt ist, sind zudem einem höheren Risiko ausgesetzt selbst eine psychische Störung zu entwickeln. Eltern nehmen die aus ihrer Erkrankung entstehenden Belastungen und Probleme für die Familie wahr, fühlen sich in der Bewältigung aber meist allein gelassen und stehen Hilfen eher skeptisch gegenüber. Bei der Hilfesuche spielen verschiedene Faktoren und Barrieren eine Rolle, wie z. B. Unsicherheiten bei der Bewertung kindlichen Verhaltens, mangelndes Wissen über konkrete Hilfsmöglichkeiten sowie Ängste vor Stigmatisierung und dem Verlust des Sorgerechts. Empowerment und (Mental) Health Literacy könn(t)en Schlüsselkompetenzen darstellen, um Zugangsschwellen zu Hilfen zu senken und Ressourcen der Eltern zu stärken. In diesem Symposium sollen Potenziale und Grenzen der Empowermentperspektive für die psychosoziale Praxis aufgezeigt werden. Hierzu werden zum einen empirische Studien zu (Mental) Health Literacy (Gesundheitskompetenz) und zum anderen ein Modellprojekt über ein Gruppenprogramm zur Stärkung von Ressourcen von Eltern mit psychischer Erkrankung vorgestellt.

REFERATE:

Ullrich Bauer (Bielefeld)

Health Literacy als Empowerment für Kinder psychisch erkrankter Eltern – eine eröffnende Perspektive

Der Beitrag will deutlich machen, dass sich mit der Debatte über Health Literacy neue Potenziale für die Debatte zur Förderung von Kindern in belasteten Familien eröffnen. Health Literacy und mehr noch Mental Health Literacy sind Konzepte, die vorrangig in der internationalen Diskussion entstanden sind und
jetzt den Eingang in die deutschsprachige Fachdebatte finden. Dabei ist es keineswegs so, dass Themen, Zugänge und Potenziale vollkommen neu erfunden werden. Während viele Inhalte dieser Diskussion versprechen, nicht mehr als „Alter Wein in neuen Schläuchen“ zu sein, eröffnen sich auch Perspektiven, die so etwas wie „Neuer Wein in alten Schläuchen“ zu sein versprechen. So kommen wir – wie im Vortrag argumentiert wird – aus alten Dilemmata der unzureichenden Vernetzung von Akteuren, der  unzureichenden Ausbildung von Fachkräften (vor allem der Schulen und der Jugendhilfeeinrichtungen) und schließlich vor allem der schlechten Erreichbarkeit von schwer erreichbaren Zielgruppen nicht heraus; aber es ergeben sich neue Denkgewohnheiten, weil mit der Health Literacy Perspektive Autonomiepotenziale von Familien gesteigert werden können, wenn a) mit verbesserten Informationsangeboten, b) nicht mehr allein mit Ansätzen zur externen Stimulation von Verhaltensänderungen und c) Strukturen, die zielgruppenspezifische Bedarfe in der Kommunikations- und Informationsarbeit wahrnehmen, gearbeitet wird. Diese Verlagerung von einer vertikalen zu einer horizontalen Linie der Kooperationsbeziehung soll auf Schwierigkeiten und Möglichkeiten hin befragt werden.

Patricia Wahl (Paderborn), Dirk Bruland (Bielefeld)

Mental Health Literacy und Hilfesuchprozesse in von psychischer Erkrankung der Eltern betroffenen Familien – eine qualitative Interviewstudie

Angesichts des erhöhten Risikopotentials von Kindern, durch das Zusammenleben mit psychisch erkrankten Eltern selbst eine psychische Erkrankung auszubilden, gewinnt die Gesundheitsförderung und Primärprävention eine besondere Bedeutung. Jedoch sind betroffene Familien meist schwer zu erreichen, da diese Hilfen und Unterstützungsangeboten häufig reserviert gegenüberstehen. Dieser Beitrag stellt Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie zum familiären Hilfesuchverhalten und zur „Mental Health Literacy“ (Gesundheitskompetenz) von Familien mit psychisch erkranktem Elternteil dar. Hierzu wurden problemzentrierte qualitative Interviews in 18 Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil (23 Erwachsene, 23 Kinder im Alter von 7 bis 16 Jahren) geführt und ausgewertet. Die Ergebnisse verweisen auf Möglichkeiten von Betroffenen, sich schnell passende Hilfe zu suchen, aber auch auf bestehende Barrieren wie Stigma und falsche Vorstellungen von psychischen Erkrankungen. Die unterschiedlichen
subjektiven Krankheitstheorien und die Bedeutung für den Hilfesuchprozess werden dargelegt. Insgesamt wird durch die Ergebnisse ein besserer Eindruck gewonnen, weshalb Eltern für ihre Kinder selten Hilfen in Anspruch nehmen, obwohl diese ein hohes Risiko tragen, selbst im Laufe ihres Lebens psychisch zu erkranken. Hierbei wird neben der Perspektive der Eltern auch die der Kinder betrachtet. Die Ergebnisse werden bezugnehmend auf das Konzept „Mental Health Literacy“ dargestellt und bilden die Basis für eine kritische Reflexion des Konzeptes. Überlegungen für die Praxis werden mit dem Fokus auf Gesundheitsförderung und Primärprävention abgeleitet.

Albert Lenz, Lena Leffers (Paderborn)

Ressourcen der Eltern stärken – Wirkungen einer präventiven Intervention zum Schutz von Kindern psychisch erkrankter und suchtkranker Eltern

Das präventive Gruppenprogramm „Ressourcen der Eltern stärken“ zielt darauf ab, psychisch erkrankte und suchtkranke Eltern in ihren Einfühlungsvermögen in die kindlichen Bedürfnisse, in ihrer Fähigkeit zur Perspektivübernahme und in ihrem Umgang mit Gefühlen und Belastungen zu stärken. Damit sollen elterliche Schutzfaktoren zur Kompensation der kumulierten Risiken für Kindesmisshandlung gestärkt werden. Das Gruppenprogramm wird im Rahmen des Landesprojekts „Starke Seelen“ des Landes NRW, in Kooperation mit dem Diözesan-Caritasverband Paderborn, in über 40 Einrichtungen des Gesundheitssystems und der Jugendhilfe durchgeführt. In dem Beitrag werden die Grundlagen des Gruppenprogramms und Ergebnisse der Evaluation vorgestellt. Im Fokus der wirkungsorientierten Evaluation zu drei Messzeitpunkten steht die Wahrnehmung der Eltern des alltäglichen Stresserlebens in der Eltern-Kind-Interaktion, die wahrgenommenen Auffälligkeiten ihrer Kinder, die Wahrnehmung verfügbarer Copingstrategien und sozialer Unterstützung. Über den Standard klassischer Evidenzbasierung hinausgehend sind Prozesse der Implementierungs- und Durchführungspraxis qualitativ analysiert worden. Ausführlich wird das modularisierte Gruppenprogramm „Ressourcen psychisch kranker und suchtkranker Eltern stärken“ in einem Workshop vorgestellt.

Kathrin Schulze (Essen)

Psychische Erkrankungen und Familie – ein empirischer Blick auf organisierte Hilfe

Familien mit psychisch erkrankten Eltern(-teilen) stellen eine Zielgruppe unterschiedlicher Unterstützungs- und Hilfesysteme dar. Der Beitrag gibt einen Überblick über die psychosoziale Versorgungssituation und Praxis in neun Modellregionen Nordrhein-Westfalens. Ausgehend von Interviews mit Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe und des Gesundheitssystems werden strukturelle, organisatorische und fachliche Herausforderungen in der Arbeit mit betroffenen Familien sowie in der sektorübergreifenden Kooperation dargestellt. Das Konzept von Mental Health Literacy wird vor diesem Hintergrund dahingehend befragt, inwiefern es für die psychosoziale Praxis in dem Handlungsfeld Familien mit psychisch erkrankten  Eltern(-teilen) gewinnbringend genutzt werden kann.