Psychotherapie und Psychopharmaka in der Behandlung von Menschen mit Psychosen

DATUM: Freitag, 02. März 2018
ZEIT: 14:00 – 16:00 Uhr
RAUM: J 32/102
PLANUNG UND MODERATION: Jann E. Schlimme, Anja Lehmann (Berlin)

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Psychotherapie gewinnt zunehmend an Bedeutung in der Behandlung und psychosozialen Versorgung von Menschen mit Psychosen. Dabei findet Psychotherapie sowohl im stationären als auch im ambulanten Kontext typischerweise begleitend zu anderen Behandlungsformen statt. Diese umfassen fast immer auch eine neuroleptische Medikation. In diesem Symposium widmen wir uns der Frage, wie die Behandlung mit Neuroleptika die Psychotherapie von psychoseerfahrenen Menschen beeinflusst. Welche Formen der Interaktion gibt es? Welche positiven Effekte haben Neuroleptika auf die psychotherapeutischen Möglichkeiten? Gibt es negative Beeinflussungen des psychotherapeutischen Prozesses durch Medikamente? Wie können negative Interaktionen verringert werden? Welche Einflussmöglichkeiten  haben die verschiedenen Akteure? Wir beleuchten diese Fragen aus der Sicht der  Psychosenpsychotherapeuten und Psychiater und der Erfahrenen.

REFERATE:

Jann E. Schlimme (Berlin)

Wieviel Psychopharmaka sind okay während der Psychosenpsychotherapie? Neuroleptika-Reduktion und Psychosenpsychotherapie

Die Psychotherapie von Menschen mit Psychosen fi ndet im ambulanten Kontext typischerweise begleitend zu neuroleptischen Medikationen statt. Anhand ausgedehnter eigener Behandlungserfahrung zeige ich an Fallbeispielen den Einfluss der Neuroleptika auf den psychotherapeutischen Prozess. Dieser hat positive und negative Seiten. Insbesondere die Beziehungsdynamik wird durch die distanzierende Wirkung der Medikamente stark verändert, so dass v.a. bei einer höheren Dosierung eine persönliche Entwicklung auch gebremst und verhindert werden kann. Es werden einige Grundüberlegungen zur Reduktion der Medikamente vorgestellt.

Anja Lehmann (Berlin)

Wieso mich die Pharmakotherapie als Psychotherapeut interessieren sollte

  1. Weil es spannend ist (Äthiologische Überlegungen; Biopsychosoziales Modell in Anwendung)
  2. Weil es fahrlässig wäre, es nicht zu tun (Wirkungen und Nebenwirkungen von NL)
  3. Weil ich eine Haltung haben muss, die ich als Person in die therapeutische Beziehung einbringen kann (Transparenz und Kongruenz als wesentliche Bausteine therapeutischer Beziehungsgestaltung)
  4. Weil ich nicht das einzig wirksame und wichtigste im Leben des Patienten bin/sein kann/sein will (Pt als Teil des sozialen Netzwerkes)
  5. Weil ich auch betroffen sein kann (Patienten sind nicht die „ganz anderen“)

Thelke Scholz (Bremen)
Psychotherapie und Psychopharmaka in der Behandlung von Menschen mit Psychosen In meinem Vortrag werde ich nach einer kurzen Beschreibung meiner Geschichte davon berichten, wie der Einfluss der  Psychopharmaka zunächst den Druck aus der Krise nahm. Ich werde dann einen kurzen Einblick geben in den Alltag mit Psychopharmaka, um deren Einfluss auf die Rahmenbedingungen der Psychotherapie darzustellen. Den Schwerpunkt meiner Ausführungen wird ein differenzierter Blick auf den Prozess meiner Psychotherapie bilden. Dabei werde ich auf die mit den Nebenwirkungen der Medikamente  einhergehenden Schwierigkeiten eingehen und die hilfreichen Aspekte ihrer durchaus erwünschten Funktion aufzeigen. Ich werde mit kritischem Blick auf die Psychopharmaka die Notwendigkeit von  Psychotherapie für die Genesung von Psychosen darstellen. Mein Vortrag wird meine persönlichen  Erfahrungen beinhalten und daher keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Gleichwohl decken sich meine Erfahrungen weitgehend mit den Ergebnissen der Arbeit meiner Sozialpsychiatrischen Kollegen und Mitredner.

Christian Burr (Bern/Schweiz)

Etwas Licht in die Dunkelheit bringen – Neuroleptika Trialog, eine Austauschplattform zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen zu ihren Erfahrungen zum Thema: Einnahme von Neuroleptika und dem Reduzieren und Absetzen

Neuroleptika gelten in der aktuellen Behandlung von Menschen mit Psychosen als Standard. Oft wird dabei eine Langzeitbehandlung empfohlen. Die neuere Forschung stellt aber gerade die Langzeitwirkung dieser Medikamente in Frage. Bezüglich dieses Wissens, aber auch durch persönliche Präferenzen von Menschen, die solche Medikamente nehmen, stellt sich also die Frage, wie man diese Medikamente auch wieder reduzieren und absetzen kann.
Das Reduzieren und Absetzen stellt eine große Herausforderung dar. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass ein solches Vorhaben bei den Fachpersonen in der Regel auf wenig Beachtung stößt, es wenige Möglichkeiten gibt offen darüber zu sprechen und dass auch nur ganz vereinzelt Unterstützung dabei angeboten wird. Zudem haben auch die Angehörigen oft Angst davor, was denn passieren könnte, wenn ihre Liebsten diese Mittel nicht mehr nehmen. Um die Diskussion zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen auf neutralem Boden zu befruchten wurde in Bern ein Trialog zu diesem Thema gegründet und läuft nun seit März 2017. Im Vortrag wird über die Erfahrungen im ersten Jahr berichtet.