Forum Beratung: Zwang und psychosoziale Praxis – unvereinbarer Widerspruch oder Chance?

DATUM: Freitag, 02. März 2018
ZEIT: 10:30 – 12:30 Uhr
RAUM: L 113
PLANUNG UND MODERATION: Albert Lenz (Paderborn), Kathy Küchenmeister (Dresden), Marion Mayer (Berlin)

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In der psychosozialen Praxis kann es zur Anwendung von Zwangsmaßnahmen kommen. Unter diesen Begriff fallen alle Interventionen, die sich gegen den expliziten Willen der KlientInnen richten oder – auch ohne deren explizite Weigerung – nicht ganz freiwillig akzeptiert werden. Der Fokus liegt in diesem Symposium auf dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, der Frühen Hilfen sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei Gefahr einer Kindeswohlgefährdung können Maßnahmen angeordnet werden. Kooperieren die Eltern nicht, droht die Fremdunterbringung der Kinder. Im Scheidungsfall sollen wiederum angeordnete Gespräche/Beratungen helfen, Regelungen zur Betreuung der Kinder auszuhandeln. In der Klinik können Zwangsmaßnahmen von einem Time-Out im Zimmer oder einem kurzen Festhalten bis hin zu einem  Verbringen in einen speziellen Isolationsraum reichen.
Was folgt daraus für die Beratung oder Behandlung? Kann Beratung oder Behandlung als Anordnung oder Zwang überhaupt gelingen? Man kann aber auch argumentieren, dass Hilfsangebote in allen diesen Fällen eine Chance sind – obwohl sie allesamt sanktionsbewehrt sind. Darüber ebenso wie über Fragen, wie unter den Bedingungen der Anordnung bzw. von Zwang Hilfen möglich sind, muss diskutiert werden.

REFERATE:

Christine Gerber (München)

Warum sich Freiwilligkeit und Zwang nicht zwischen Jugendämtern und Anbietern von Hilfen aufteilen lässt – Ergebnisse aus der Analyse von Fallverläufen und deren Bedeutung für die Konzeption von Hilfen im Kinderschutz

Freiwilligkeit ist für viele Fachkräfte ein hohes Gut. Die Vorstellung, Zwang auf KlientInnen ausüben zu müssen, scheint mit ihren ethischen Vorstellungen nicht vereinbar zu sein. Aber wie kompatibel ist dieser Anspruch mit den Zielen des Kinderschutzes? Ist es realistisch Zwang und Kontrolle an das Jugendamt zu
delegieren und zugleich Freiwilligkeit zur Bedingung für Hilfe zu machen?
In dem Beitrag werden exemplarische Ergebnisse aus der Analyse von Fallverläufen im Kinderschutz vorgestellt, die deutlich machen, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Zwang in der psychosozialen Praxis ebenso notwendig ist, wie die Entwicklung entsprechender Konzepte und geeigneter Beratungstechniken für die Arbeit mit unfreiwilligen Klientinnen und Klienten.

Michael Kölch (Neuruppin)

Zwangsbehandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Die Begrenzung der Freiheit eines Minderjährigen stellt einen erheblichen Eingriff in seine Rechte dar. Freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) können im Rahmen der Therapie in Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und aus pädagogischen Gründen in Einrichtungen der Jugendhilfe durchgeführt werden. Über FEM wurde in den letzten Jahren immer wieder diskutiert. Zum Teil zeigten sich erschreckende Zustände in entsprechenden Einrichtungen der Jugendhilfe, zum anderen lockerte die Rechtsprechung die notwendigen Anforderungen an die Genehmigungspfl icht im Krankenhaus.
Der Beitrag analysiert vorhandene Datengrundlagen zu freiheitsentziehenden und -beschränkenden Maßnahmen in den verschiedenen Kontexten. Entsprechende Indikationsüberlegungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hinsichtlich der Rechtfertigungsschwelle für Empfehlungen in einer anderen Profession,
nämlich der Jugendhilfe, werden dargestellt. Es wird aber auch das Thema Zwang in der Therapie bei Minderjährigen allgemein problematisiert und verbesserte Partizipationsmöglichkeiten Minderjähriger auch bei Zwangsmaßnahmen aufgezeigt.

Karin Jacob (Berlin)

Zum Wohle der Kinder: Zwangsberatung in der Erziehungs- und Familienberatung

Spätestens seit dem Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG) ist die Erziehungs- und Familienberatung herausgefordert, sich für Eltern zu öffnen, die von Institutionen wie beispielsweise den Familiengerichten gezwungen werden, Beratung aufzusuchen. Das traditionelle Selbstverständnis von Fachkräften, Beratung ausschließlich auf der Grundlage von Freiwilligkeit durchzuführen, wird dadurch in Frage gestellt. Beratungsbeziehungen im Zwangskontext sind insbesondere durch emotionale Dichte und Komplexität und mitunter feindliche und destruktive Verhaltensweisen gekennzeichnet. Herkömmliche Beratungskonzepte kommen hier an ihre Grenzen und wurden und werden weiterentwickelt. Vor allem die Fragen, wie es gelingt, unfreiwillige Klienten für Beratung aufzuschließen, welcher neue und transparente Rahmen für Zwangsberatung zu schaffen ist, welche professionelle Haltung hilfreich und welche Kooperation zwischen den beteiligten Professionen und Institutionen notwendig ist, sind zu beantworten. Die Erziehungs- und Familienberatung stellt sich dieser Herausforderung, um auch unfreiwillige Eltern in ihrer Verantwortung für eine gelingende Erziehung, Unterstützung anzubieten und somit eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder zu befördern.

Claudia Maier-Höfer (Darmstadt)

Die Rechte von Kindern, die psychisch beeinträchtigt sind – Rekonstruktion der UN-Konventionen und der Positionen der Kinder in der Sozialstruktur (Fallbeispiele)

Mit dem Vortrag möchte ich zur Diskussion stellen, dass der Standpunkt der Kinder in der Sozialstruktur, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, die im Feld der Hilfen zur Erziehung zu „Beratungsgesprächen“ gebeten werden, darin gestärkt werden muss, dass sie als Rechtssubjekte mit ihrem Leben verbunden werden. Eine Auseinandersetzung, die die eigene Integrität als Persönlichkeit in grundsätzlicher Selbstbestimmung zu handeln zum (legitimen) Ziel hat, findet jedoch „unplanbar“ für die Professionellen statt und durchkreuzt damit die vorgesehenen Prozeduren und Programme. Es handelt sich bei dieser  Auseinander setzung um die Klärung des Wunsches eines Kindes und eines Jugendlichen, eine Stabilität als teilhabend in der Gesellschaft zu erlangen, wie Maud Mannoni es erforscht hat. Die sozialen Praktiken, die die Kinder und Jugendlichen, die in psychische Schwierigkeiten geraten sind, zu marginalisieren drohen, und solche Auseinandersetzungen unterdrücken, müssen vor diesem Erkenntnishintergrund
konsequent reflektiert, analysiert und gesellschaftspolitisch, wie auch professionsmethodisch bzw. – methodologisch überwunden werden – im Sinne der Grundrechte und der Menschenrechte, sowie der UN-Kinderrechtskonvention und der UN-Behindertenrechtskonvention, und weiterer Konventionen.