Der Berner Ansatz und die Allgemeine Psychotherapie: Zur Integration neuer Elemente in einen integrativen kognitivtherapeutischen Ansatz

DATUM: Freitag, 02. März 2018
ZEIT: 10:30 – 12:30 Uhr
RAUM: HS 1a
PLANUNG UND MODERATION: Franz Caspar (Bern/Schweiz)

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Die DGVT hat eine lange Tradition des Integrierens von nützlichen Erweiterungen des bestehenden Ansatzes. Dabei ging es um grundsätzlichere Konzepte, wie z. B. die Handlungstheorie ebenso wie außerhalb der KVT entwickelte psychotherapeutische Ansätze. Damit entsprach und entspricht die DGVT in starkem Maße den Graweschen Idealen einer sich ständig weiterentwickelnden Allgemeinen Psychotherapie.
Die Integration neuer Elemente ist aber genauer betrachtet keineswegs eine triviale Angelegenheit. Was sind die Kriterien dafür, was integriert werden soll, was die Kriterien für eine gelungene Integration, was mögliche Nebenwirkungen? Solche Fragen werden in diesem Symposium aufgeworfen und am Beispiel eines Projekts zur Integration von Elementen der Emotionsfokussierten Therapie (EFT; Greenberg und andere) in mehreren Beiträgen konkretisiert.

REFERATE:

Franz Caspar (Bern/Schweiz)

Mal eben locker integrieren?

In diesem einleitenden Vortrag wird auf grundsätzliche Fragen eingegangen. Dazu gehört auch eine Einordnung neuerer Entwicklungen, die auch in der DGVT populär sind, und das Projekt „Improve“ zur Integration von Elementen des EFTAnsatzes in das Berner TAU („treatment as usual“) wird eingeführt. Dabei wird insbesondere auch auf Probleme und Nebenwirkungen eingegangen, die beim Integrieren entstehen können.

Martina Belz (Bern/Schweiz)

Fallkonzeptionen und unmittelbare Empathie und Präsenz im Prozess: Freunde oder Gegenspieler?

„Der Weg entsteht beim Gehen“ titelte Grawe 1999. Heißt das, dass es für eine optimale Therapie gar keine Fallkonzeptionen braucht, dass solche sich sogar wichtigen Elementen einer guten Therapie, Empathie und Präsenz der TherapeutInnen in den Weg stellen?
Dieser Beitrag geht verschiedenen Fragen nach, wie:

  • Führen elaborierte Fallkonzeptionen zu einer rationalen, Emotionen vernachlässigenden Haltung?
  • Was ist Empathie und wodurch kann sie bedroht werden?
  • Was ist therapeutische Präsenz und wodurch kann sie bedroht werden?
  • Wie hält es die Emotionsfokussierte Therapie als Empathie und Präsenz betonender Ansatz mit Fallkonzeptionen?
  • Gibt es Nachteile des Arbeitens ohne Fallkonzeptionen?
  • Wie müssen Fallkonzeptionen aussehen und gebraucht werden, damit sie sich anderen wichtigen Elementen von guter Psychotherapie nicht in den Weg stellen?

Annabarbara Stähli, Anna Babl (Bern/Schweiz)

Adhärenz und Kompetenz bei der Integration emotionsfokussierter Therapieelemente und Konkretisierung von Selbstregulation in den Berner Ansatz

Wenn therapeutische Ansätze in Prozess und Ergebnissen untersucht und einander gegenüber gestellt werden sollen, muss sichergestellt werden, dass das tatsächliche therapeutische Vorgehen den offiziellen Darstellungen der Ansätze entspricht.
Mit Adhärenz ist das Ausmaß, in dem TherapeutInnen Techniken und Interventionen nutzen, gemeint, welche ihrer Behandlungsbedingung entsprechen. Mit Kompetenz ist die sinnvolle Anwendung spezifischer Interventionen im Therapieprozess gemeint, einschließlich der Responsiveness, das sich Einstellen auf individuelle PatientInnen in der therapeutischen Beziehung.
Hier wird die Untersuchung einer Teilstichprobe mit zehn PatientInnen mit unipolarer Depression, Angst- oder Anpassungsstörung berichtet, die von zehn TherapeutInnen mit unterschiedlichem Ausbildungsstand behandelt wurden. Unabhängige RaterInnen beurteilten die Videoaufnahmen dreier Sitzungen im Therapieverlauf. Bei der Adhärenzbeurteilung werden die Dauer und die Häufigkeit der bedingungsspezifischen Interventionen quantitativ erhoben und verglichen. Zur Erfassung der Kompetenz werden zum einen TherapeutInnen mittels Videorecall nach ihren Entscheidungen in der jeweiligen Sitzung befragt. Zum anderen wird die Responsiveness in der Beziehungsgestaltung anhand der Plananalyse und der Motivorientierten Beziehungsgestaltung (MOTR) gemessen. Zusätzlich wird die Kompetenz in der  Umsetzung der neuen Elemente durch Experten beurteilt. Sagen Adhärenz und Kompetenz das  Therapieergebnis voraus? Implikationen der Befunde für die Praxis werden diskutiert.

Anna Babl (Bern/Schweiz)

Abwehrmechanismen: Alles psychoanalytisch oder was?

Abwehrmechanismen gehören zu den beständigsten Konstrukten der Psychoanalyse, seit sie erstmals von Sigmund Freud als Mittel zum Umgang mit psychischem Schmerz beschrieben wurden (1895). Abwehrmechanismen sind adaptive oder maladaptive Reaktionen auf interne oder externe Stressoren. Die Verbesserung der Abwehrmechanismen kann von TherapeutInnen durch Explorieren und Explizieren gefördert werden. Bisherige Arbeiten zeigten, dass die positive Veränderung der Abwehrmechanismen im Therapieverlauf mit dem Therapieergebnis korrelierte. In der Improve-Studie wird die Veränderung der Abwehrmechanismen zwischen zwei Formen der Erweiterung des Berner TAU (treatment as usual) untersucht und erstmals auch ein kausaler Zusammenhang zwischen positiver Veränderung der Abwehrmechanismen und positivem Therapieergebnis bestätigt.
In dieser Studie wurden die beobachter-basierte Abwehrmechanismen-Rating-Skala und verschiedene symptom-spezifische und -unspezifische Therapie-Ergebnismaße benutzt. Für vierzig Therapien mit je 25 Sitzungen wurden die  Abwehrmechanismen in den Sitzungen 1, 8, 16 und 24 eingestuft. Die Ergebnisse legen klinische Implikationen für TherapeutInnen und ihre Arbeit mit Abwehrmechanismen, einem offenbar für verschiedene Therapieformen nützlichen Konstrukt, nahe. Häufig gebrauchte Mechanismen sollten in der Therapie geklärt und alternative Strategien erarbeitet werden.

Mu Lin (Bern/Schweiz)

Ausdruck der Empathie und dessen praktische Bedeutung für den therapeutischen Prozess

Aktuelle Metaanalysen (Elliott, Bohart, Watson, & Greenberg, 2011; Horvath, Del Re, Flückiger & Symonds, 2011) zeigen, dass die von PatientInnen wahrgenommene Empathie stärker als die therapeutische Allianz mit dem Therapieergebnis zusammenhängt. Diese Empathiewahrnehmung der PatientInnen geht überwiegend auf das verbale, paraverbale und nonverbale Verhalten von TherapeutInnen in der Sitzung zurück. Aus einer Analyse von 240 Videoaufnahmen in verschiedenen Therapie-Phasen und eines Interviews zu den kognitiven Prozessen bei TherapeutInnen wurde für beide Varianten des Vorgehens im Improve Projekt herausgearbeitet, welches empathische Verhalten in (integrativen) kognitiven Verhaltenstherapien vorteilhaft ist. Wie kann das empathische Verhalten gezielt auf den Aufbau der Therapiebeziehung, die Informationssammlung zur Fallkonzeption und Problemaktualisierung sowie die Vermittlung der KVT-Bewältigungsstrategien einwirken? Welche Haltungen sollten hinter empathischem
Verhalten stehen?

Sara Heer, Annabarbara Stähli (Bern/Schweiz)

Integration: Wie findet sie in der Praxis statt und welche Schwierigkeiten treten dabei auf?

Bisher ist wenig darüber bekannt, wie PsychotherapeutInnen die Integration von neuen Therapieelementen umsetzen. Anhand einer qualitativen Substudie des IMPROVE-Projekts werden mittels halbstrukturierter Interviews die von den PsychotherapeutInnen wahrgenommenen Chancen und Herausforderungen im Zusammenhang mit der Integration neuer Therapieelemente untersucht. Das Ziel ist, die Bedeutung der Integration für die Praxis besser zu verstehen, mögliche Begleiterscheinungen zu kennen, um zukünftig Therapeutinnen – sei es in der Praxis oder ihrer Ausbildung - besser bei der  Integration neuer Therapieelemente unterstützen zu können. Pro Therapie wurden drei Interviews nach der 8., 16. und 25. Therapiesitzung mit den jeweiligen PsychotherapeutInnen geführt. Das Interview umfasste Fragen zur Anwendung der integrierten Therapieelemente, damit verbundene Schwierigkeiten, den bewussten Strategien zur Umsetzung des neu Gelernten sowie zu Dilemmata im Vorgehen nach den alten und den zu integrierenden neuen Konzepten. Die Antworten zu den bisher durchgeführten 92 Interviews wurden transkribiert und mit qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Erste Ergebnisse dieser Interviewstudie werden vorgestellt und Herausforderungen, Schwierigkeiten und Chancen, welche die Integration mit sich bringt, diskutiert.