Geschlechtssensibles Arbeiten in Therapie und Beratung, Supervision und Coaching

DATUM: Donnerstag, 01. März 2018
ZEIT: 14:00 – 16:00 Uhr
RAUM: L 115
PLANUNG UND MODERATION: Ute Sonntag (Hannover), Irmgard Vogt (Frankfurt am Main)

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Welche Rolle spielt das Geschlecht in Therapie und Beratung, Supervision und Coaching? Welche Prozesse werden maßgeblich vom Geschlecht der handelnden Personen bestimmt oder beeinflusst? Doing Gender ist ein Prozess, in dem das Geschlecht in unterschiedlichen Kontexten (wieder) hergestellt und bekräftigt
wird, also auch in Therapie- und Beratungssituationen. Der Themenblock befasst sich mit „doing gender“ in Psychotherapie und Beratung und erkundet die unterschiedlichen Risiken und Benefi ts, die damit verbunden sein können. Wenn möglich soll auch der Komplex Genderkompetenz diskutiert werden: Was
kann damit erreicht werden und welche Ausbildungskonzepte gibt es?

REFERATE:

Annett Kupfer (Dresden)

Geschlecht plus X - Eine intersektionelle Perspektive auf professionelle Kompetenzen

Gender/Geschlecht ist aus einer intersektionellen Perspektive eine von vielen Differenzlinien, die mit bspw. Alter, Behinderung, sexueller Orientierung, Klasse etc. verschränkt ist und deren Wirkung(en)  (Privilegierung, Stigmatisierung, Benachteiligung etc.) sich gegenseitig verstärken aber auch abschwächen können (Lutz/Herrera Vivar/Supik 2013, Winker/Degele 2009). Dabei konstruieren die je unterschiedlichen, miteinander verwobenen Unterscheidungskategorien – und was Helfer_innen über die Verschiedenheit von Menschen denken und wissen – psychosoziale Arbeit, Beratung und Therapie mit.
Im Beitrag sollen deshalb beispielhaft Forschungsergebnisse zur Verwobenheit von Gender/Geschlecht mit anderen Differenzlinien referiert und gendersensible Haltungen und Genderkompetenzen um den Blick auf intersektionale Kompetenzen erweitert werden.

Brigitte Schigl (Wien/Österreich)

Doing Gender in Psychotherapie und Beratung

Der gendersensible Blick auf Patient_innen und Klient_innen ist im Feld der psychosozialen Versorgung inzwischen zumeist State-of-the-Art. Was noch wenig im Blick ist, sind die Dynamiken, die sich aus der Zusammensetzung der verschiedenen Therapie- oder Beratungsdyaden ergeben – also die Berater_innen
und Therapeut_innen als Akteur_innen mit in den Blick nehmen. Welchen Unterschied macht es, ob eine Therapeutin mit einer Patientin, ein Berater mit einem Klienten oder eine genderheterogene Konstellation im Prozess miteinander arbeiten? (Hier sind die sich als weiblich oder männlich verstehenden Gender und
nicht etwaige Trans- oder Intergender-Personen bedacht.) In allen Konstellationen gibt es verschiedene Spezifi ka von Dynamiken, die die Behandlung oder Beratung einfärben und zu Risiken oder Kollusionen, „gender-troubles“ führen können. Die Kongress-Präsentation beschäftigt sich v.a. mit den Qualitäten der
verschiedenen Gender-Zusammensetzungen im dyadischen Setting und zeigt Risikofaktoren aus den empirischen Ergebnissen einer Studie zu Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie auf.

Heidi Möller (Kassel)

Die Bedeutung der Beratung für die Geschlechtergerechtigkeit in Organisationen

Das Thema Geschlechtergerechtigkeit in Organisationen hat Hochkonjunktur. Diskussionen um Frauenquoten, Kampagnen für mehr Frauen in Aufsichtsräten, Strategien wie Diversity Management und Gender Mainstreaming prägen den gesellschaftlichen Diskurs. Aufgrund der demographischen Entwicklungen in Deutschland wird die Debatte zunehmend mit ökonomischen Argumenten geführt. Wie kann durch Supervision, Coaching oder Organisationsberatung das Querschnittsthema Geschlechtergerechtigkeit in die Organisationen getragen und ein Beitrag dazu geleistet werden, dass Männer und Frauen ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern, sich für die eigene Wahrnehmung von Benachteiligung sensibilisieren und ihre jeweiligen Verwirklichungschancen nutzen? Welche Möglichkeiten zeigen sich in personaler Hinsicht, wenn es etwa um das geschlechtsrollenspezifische Selbstkonzept oder um Karriereorientierungen geht? In meinem Beitrag wird die Rolle, die Beratung auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in Organisationen einnehmen kann, fokussiert. Anhand der Schwerpunktthemen des Sprechverhaltens, der Karriere, der Macht, des Wettbewerbs und der Proaktivität zeige ich die  Möglichkeiten für mehr Geschlechtergerechtigkeit in Organisationen durch Coaching von weiblichen Führungskräften auf. Zudem gehe ich der Frage nach, ob die Beratungsszene selber geschlechtergerecht ist.

Corinna Onnen (Vechta)

Vermittlung von Genderkompetenzen in Aus- und Weiterbildung

Eine wesentliche Querschnittkompetenz auf dem Arbeitsmarkt ist eine nachgewiesene intensive Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifi schen Strukturen, deren historischer Bedingtheit und daraus resultierenden Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Daraus ergeben sich besondere Herausforderungen
für moderne Gesellschaften, hierzu zählen z. B. Auseinandersetzungen mit geschlechtsspezifisch  unterschiedlichen Lebensverläufen, (gleichstellungs-)politische Maßnahmen, die unterschiedliche Teilhabe an und Umgang mit den bestehenden ökonomischen Strukturen, an Gesundheit und Wohlergehen sowie
an kulturellen Unterschieden.
Die Fragen, denen sich dieser Vortrag widmen möchte, diskutieren drei Problemlagen: zum einen die Frage danach, welche Qualität eine Lehre von und mit Genderkompetenzen hat, zum anderen die Frage nach einer gendersensiblen Didaktik.