Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel

Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung 2016 in Berlin


Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel,

die psychosoziale Lage von Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Gewalt Zuflucht in Deutschland
und Europa suchen, ist ein zentrales Thema des 29. Kongresses für klinische Psychologie, Psychotherapie
und Beratung, der vom 24. bis zum 28.2.2016 zum Rahmenthema "The Dark Side of the Moon - Krisen,
Traumata ... verlorene Sicherheit zurückgewinnen" mit mehr als tausend Teilnehmenden an der Freien
Universität in Berlin tagt.
Frank Neuner, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bielefeld,
berichtete in dem Eröffnungsvortrag "Krieg, Folter und Familie: Menschen aus den dunkelsten Orten der
Welt verstehen und behandeln" am Mittwoch, den 24.2. u. a. von seinen Erfahrungen von der Behandlung
von Menschen, die durch den Genozid in Ruanda traumatisiert sind. Damals hat die Weltgemeinschaft
weggesehen. Doch heute geschieht ähnliches in den von Bürgerkrieg erschütterten Ländern. Menschen
fliehen vor dieser Gewalt und suchen bei uns in Europa Schutz.
Zahlreiche Beiträge auf dem Kongress belegen, traumatisierten Menschen kann geholfen werden. Sie
brauchen unsere Unterstützung und Hilfe. Als Vorstand des größten psychotherapeutischen
Fachverbandes wollen wir Sie ermutigen, die Politik der offenen Grenzen eingebunden in ein Europa der
Menschenrechte fortzusetzen. Traumatisierte Menschen brauchen eine Sicherung ihrer Existenz und
Schutz vor neuen Traumatisierungen.
Wenn die Existenz gesichert ist, brauchen traumatisierte Menschen aber auch Beratung und Behandlung.
Wir setzen uns dafür ein, dass Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sich in Traumatherapie
qualifizieren, um das Leid gut zu behandeln. Wir bitten Sie, setzen Sie sich für eine verlässliche
Finanzierung der psychotherapeutischen Angebote ein, damit die Psychotherapie diesen Menschen
Sicherheit bieten kann.
Eine dritte zentrale Bedingung für die Wirksamkeit psychotherapeutischen Handelns ist das
gesellschaftliche Klima in unserem Land. Wir wollen z.B. mit diesem Kongress und diesem Offenen Brief
ein klares Zeichen für Gastfreundschaft und gegen Fremdenfeindlichkeit setzen. Darin wollen wir mit
unserer Arbeit die Politik unterstützen, die auf die Wahrung der Menschenrechte und auf die Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention setzt.
Ministerpräsident Horst Seehofer erhält als Vorsitzender der CSU, die Teil dieser Bundesregierung ist,
einen Abdruck dieses Schreibens. Wir werden diesen offenen Brief am Dienstag, den 1.3.2016 an die
Presse weitergeben.

Mit freundlichen Grüßen

Vorstand der DGVT

Geschäftsführender Vorstand: Rudi Merod, Wolfgang Schreck, Heiner Vogel