Wie verstehen wir die dunkle Seite? Neue Ansätze in der psychosozialen Beratung von Stalker*innen und ihren Opfern und in der ambulanten Behandlung psychisch kranker Straftäter

DATUM: Samstag, 27.02.2016
ZEIT: 10:30 – 12:30 Uhr
RAUM: L 113
PLANUNG UND MODERATION: Wolf Ortiz-Müller (Berlin), Gernot Hahn (Erlangen)

In der Arbeit mit Menschen, die gemeinhin als TäterInnen klassifiziert werden, stellt sich in immer wieder modifizierter Form die Frage nach „mad or bad“ als Erklärungsmodell für ein Verhalten, das gegen bestehende Rechtsnormen verstößt. Seit einiger Zeit hat sich gegenüber der früheren stark defizit-orientierten Sichtweise eine Haltung und Arbeitsweise bewährt, die delinquentes und ggfs. dissoziales Verhalten als maladaptiven Bewältigungsversuch nicht verarbeiteter früherer biographischer Erfahrungen zu verstehen sucht.
Vom Stalking betroffene Menschen erleben sich in ihrer äußeren aber auch inneren Sicherheit bedroht. Diese wiederzuerlangen ist die zentrale Aufgabe professioneller Beratung. Sie umfasst Schutzmaßnahmen und Risikoanalysen ebenso wie die psychische Bewältigung von Verletzung, Angst und Hilflosigkeitserfahrungen. Wird Stalking im systemischen Sinn als Beziehungserfahrung verstanden, so gilt es, auch die Verhaltensweisen zu reflektieren, die unbewusst den stalkenden Menschen  bestätigen mögen.

REFERATE:

Wolf Ortiz-Müller (Berlin)

Der Ansatz integrierter Täter-Opferberatung in der ambulanten Einrichtung Stop-Stalking

Stalking beschreibt das vorsätzliche und beharrliche Nachstellen und Belästigen einer anderen Person, das seit 2007 als Straftatbestand der Nachstellung im §238 StGB sanktioniert wird. Es stellt in vielen Fällen für beide Seiten ein erhebliches Problem dar. Die Folgen für Betroffene können u. a. Angst, Panikattacken, Depressionen, Schlafstörungen, psychosomatische Beschwerden, Arbeitsunfähigkeit, sozialen Rückzug und Einsamkeit umfassen. Doch auch die Menschen, die stalken, leiden oftmals unter dem eigenen Stalking-Verhalten und dessen möglichen Auswirkungen wie u. a. innerer Leere, geringem Selbstbewusstsein, Scham- und Schuldgefühlen, Frustration, Kontrollverlust, Einsamkeit und sozialem Rückzug, Problemen mit Polizei und Justiz, Verlust von Zeit und Energie.
Seit 2014 hat Stop-Stalking einen Ansatz integrierter Täter-Opfer-Beratung iTOB entwickelt, wo beide Seiten  getrennt in Einzelgesprächen beraten werden können. Diese oftmals konträren Realitätskonstruktionen treffen auf die BeraterInnen, die daraus Interventionen entwickeln, die den Betroffenen helfen, sich zu schützen – und den  Stalker*innen aufzuhören. Anhand eines Fallbeispiels werden Vorgehensweisen und Problematiken reflektiert.

Helene Hiller, Olga Siepelmeyer (Berlin)

Ein Manual für die Täterarbeit bei Stop-Stalking

Der Beitrag bietet eine Übersicht über den manualisierten Beratungsansatz für Stalker*innen , welcher auf psychodynamischen, kognitiv-verhaltens-therapeutischen, systemischen, schematherapeutischen und sozialpädagogischen Theorien basiert.  Auf eine Einführung in die Zielgruppe, die allgemeine Zielsetzung, die Treatment-Targets, zugrundeliegende therapeutische Konzepte und das Setting der Beratung folgt eine Beschreibung der einzelnen Beratungsmodule, die in ihrer Reihenfolge variierbar sind und als Leitfaden der Beratung dienen. Teilziele, Rationale, Inhalte und konkrete Interventionen der einzelnen Module werden vorgestellt.

Silke Rabe (Heidelberg)

Empirische Untersuchung demografischer und motivationaler Merkmale im Gendervergleich des Beratungsklientels von Stop-Stalking Berlin

Die Untersuchung stützt sich auf quantitative und qualitative Klientendaten aus fünf Jahren und verfolgt das Ziel, eine Übersicht der demografischen Variablen der Hilfesuchenden sowie eine Analyse der von den TäterInnen kommunizierten motivationalen Beweggründen für ihr Stalking-Verhalten zu geben.
Für die Darstellung des Klientenkreises erfolgte die Auswertung der rund 80 Items umfassenden Stammdatenmaske mittels deskriptiver univariater und bivariater Statistiken.
Als Forschungsergebnis der qualitativen Inhaltsanalyse ist festzuhalten, dass auf Seiten der männlichen Täter gehäuft frühe Verlusterfahrungen (i.d.R. Verlust des Vaters), Schwierigkeiten bei der Aufnahme von sozialen Beziehungen, oft bereits seit der Kindheit, sowie Unzufriedenheiten in der aktuellen beruflichen oder finanziellen Situation bestanden. Bei den weiblichen Tätern fand sich überwiegend eine Unzufriedenheit bezüglich der aktuellen Paarbeziehung und dem sozialen Umfeld. Geschlechtsübergreifend zeichnete sich ab, dass bereits in der Vorbeziehung zwischen Opfer und TäterIn ambivalente Mechanismen (Trennungen, Untreue, Versöhnungen) bestanden, die vermutlich mit dem späteren Stalking in einem Entstehungszusammenhang zu betrachten sind.

Gernot Hahn (Erlangen)

Trauma und Täterschaft – Konsequenzen für Beratung und Therapie

In der kriminaltherapeutischen Behandlung von Gewalt- und Sexualstraftätern hatte die Beschäftigung mit Traumata lange keinen Platz. Neuere Ansätze fragen danach, inwiefern Täterverhalten auch als destruktive Form der Bewältigung (komplexer) Traumatisierung verstanden werden kann. Die Auswirkung früher Gewalt- und Missbrauchserfahrungen auf die Persönlichkeitsentwicklung  des (späteren) Straftäters und die Frage nach Wiederholungsmechanismen können hinsichtlich ihrer Wirksamkeit einer Ausbildung von Delinquenz nicht übersehen werden. Einen anderen Aspekt betrifft die Frage, inwiefern Gewalt- und Sexualstraftäter die eigene Straftat traumatisch erleben können. Erste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Täter spezifische Traumafolgesymptome zeigen (können) und vor dem Hintergrund dieser Belastungsmerkmale zunächst nicht in der Lage sind, konfrontative kriminaltherapeutische Programme zu bewältigen. Der Vortrag gibt einen Überblick zum aktuellen Kenntnisstand der Thematik, leitet Überlegungen für die Gestaltung (kriminal)therapeutischer Prozesse ab und konkretisiert diese Überlegungen anhand einer Fallvignette.