Die Schattenseiten der Psychotherapie: Ein Symposium zur Bestandsaufnahme von Nebenwirkungen in der Psychotherapie

DATUM: Samstag, 27. Februar 2016
ZEIT: 14:00 – 16:00 Uhr
RAUM: L 113
PLANUNG UND MODERATION: Saskia Scholten (Bochum)

Unter dem Schlagwort „Risiken und Nebenwirkungen“ werden zunehmend auch die dunklen Seiten von Psychotherapie diskutiert. Vor fast 30 Jahren legten Kleiber & Kuhr (1988) eine der ersten Übersichtsarbeiten im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema vor. In den folgenden Jahren wurden unerwünschte Wirkungen von Psychotherapie jedoch weiterhin eher im Schatten der Diskurse um die Effektivität und Nützlichkeit von Psychotherapie thematisiert. Während die Wirksamkeit von Psychotherapie mittlerweile unumstritten ist, erhält das Thema unerwünschte Wirkungen von Psychotherapie erst jetzt – unter anderem durch die seit Anfang 2013 gesetzlich vorgeschriebene Aufklärungspflicht gegenüber Patienten – wachsende Aufmerksamkeit.
Häufig kommen beim Nachdenken über „Risiken und Nebenwirkungen“ folgende Fragen auf: Können Wirkung und Nebenwirkung überhaupt unterschieden werden? Und wenn ja, wie? Wie können PatientInnen über „Risiken und Nebenwirkungen“ aufgeklärt werden, wenn wir so wenig darüber wissen? Und wie kann man mit unerwünschten Wirkungen von Psychotherapie im Rahmen einer Behandlung, aber auch als mögliche Folge eigenen therapeutischen Fehlverhaltens umgehen? Basierend auf einer Bestandsaufnahme der aktuellen Forschungslage zu unerwünschten Wirkungen von Psychotherapie werden diese und andere Fragen im Symposium adressiert und aus verschiedenen Perspektiven diskutiert.

REFERATE:

Eva-Lotta Brakemaier, Frank Jacobi (Berlin), Jan Spies, Johannes Zimmermann, Martina Radtke, Manuel Becker, Claus Normann

Zwei Seiten einer Medaille: Wirkungen und Nebenwirkungen von stationären Psychotherapiekonzepten

Bei chronisch depressiven Patienten ist es aufgrund häufiger früher traumatisierender Beziehungserfahrungen und vielen erfolglosen Therapieversuchen besonders relevant, Nebenwirkungen von Psychotherapie zu beachten (z.B. könnte eine kurzfristige weitere Verschlechterung der Symptomatik ohnehin vorherrschende Hoffnungslosigkeit und Suizidalität verstärken). Das speziell für chronische Depression entwickelte stationäre Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) integriert kognitiv-verhaltenstherapeutische, interpersonelle und psychodynamische Strategien. Aufgrund z.T. aufwühlender und konfrontativer Elemente sowie des stationären Settings (hohe Psychotherapie-Dosis bei begrenzter Dauer) ist mit spezifischen Nebenwirkungen zu rechnen.
Zur Erfassung dieser Nebenwirkungen dient ein neu entwickelter Fragebogen (NESTAP: Nebenwirkungen stationärer Psychotherapien), welcher retrospektiv bei entlassenen CBASP-Patienten 1) vorübergehende Verschlechterungen der depressiven Symptomatik, 2) Konflikte mit Mitpatienten bzw. Teammitgliedern während der Therapie sowie 3) gravierende Lebensveränderungen angestoßen durch CBASP erfragt. Alle Nebenwirkungen werden in Zusammenhang zur Response und zu Rückfällen gesetzt. Anhand der Daten von 70 Patienten werden Prävalenz und Korrelate dieser Nebenwirkungen sowie der Zusammenhang zur Response sowie Rückfällen nach 12 Monaten berichtet.
Trotz gutem Outcome (76% Response, 40% Remission, 0% Verschlechterung, 25% Rückfälle nach 6 Monaten) gaben 66% der Patienten mindestens eine vorübergehende Verschlechterung der Symptomatik an; diese erreichten bei gleicher Responserate weniger häufig die Remission als Patienten ohne Verschlechterung. Über 50% der Patienten berichteten Konflikte mit Mitpatienten oder Teammitgliedern (keine Zusammenhänge mit dem Outcome). Ebenfalls berichteten über 50% über entscheidende – auch als negativ erlebte – Lebensveränderungen; hierbei waren weniger Lebensveränderungen mit höheren Rückfallraten assoziiert.
Langfristig scheinen die Nebenwirkungen das Therapieergebnis demnach kaum negativ zu beeinflussen; sie sind möglicherweise Bestandteil einer erfolgreichen Therapie. Auf potenzielle Nebenwirkungen muss bei Therapiebeginn hingewiesen werden; Patienten sollten beim Management solcher Nebenwirkungen aktiv unterstützt werden.

Michael Linden, Bianka Flöge, Beate Muschalla (Berlin), Doris Fay (Potsdam), Michael Jöbges (Bernau)

Nebenwirkungen von Ergotherapie-Gruppen

Hintergrund: Ergotherapie wird üblicherweise als eine Behandlungsform ohne wesentliche Risiken angesehen, weshalb die Indikationsstellung für eine Zuweisung zu einer ergotherapeutischen Behandlung in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken großzügig und in der Regel ohne spezielle Indikationsprüfung erfolgt. Ergotherapie wird regelhaft als Gruppentherapie durchgeführt. Dies ermöglicht zu untersuchen, welche Belastungen in derartigen Gruppen ohne weitere spezifische psychotherapeutische Intervention erleben, d.h. durch die Gruppe an sich.

Methode: Stationär behandelte Patienten nahmen an einer Ergotherapiegruppe, die zum Ziel hatte rekreative Aktivitäten zu fördern. Sie füllten die ATR-G-Checkliste aus, die anhand von 47 Items das Belastungserleben von Patienten mit Blick auf die Raumsituation und Gruppengröße, den Inhalt, die Teilnehmer, die Therapeutin, die Gruppenerfahrungen und Zukunftsperspektiver erfasst.

Ergebnisse: Von 45 befragten Patienten gaben 88,9% negative Effekte aufgrund der Ergotherapie an.  28,9 % davon berichteten von deutlich belastenden Nebenwirkungen. Dies betraf die Raumsituation (71,1 % bzw. 8,9 % schwer), die Inhalte (71,1 % vs. 11,1 %), die Gruppenerfahrung an sich (51,1 % vs. 17,8 %), die anderen Teilnehmer (42,2 % vs. 6,7 %), Befürchtungen wegen Gruppennachwirkungen (40,0 % vs. 8,9 %) und die Therapeuten (20,0 % vs. 6,7 %).

Diskussion: Ergotherapie kann, so wie jede andere Gruppentherapie, Nebenwirkungen hervorrufen. Die Daten zeigen, dass das Gruppensetting als solches belastend sein kann. Dies sollte bei der Planung und Durchführung von Ergotherapiegruppen wie Psychotherapiegruppen im allgemeinen berücksichtigt werden.

Saskia Scholten, Maja Kintscher, Anita Pataki, Jürgen Margraf (Bochum)

Patientenbeschwerden und ihre Auswirkungen. Ergebnisse einer qualitativen Inhaltsanalyse von Patientenbeschwerden bei der Landespsychotherapeutenkammer NRW

Unprofessionelle psychotherapeutische Behandlungen werfen einen Schatten auf die sonst unumstrittene Wirksamkeit von Psychotherapie. Für diese Fälle gibt es für Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, die offiziellen Beschwerdestellen der Psychotherapeutenkammern oder auch zivilgesellschaftliche Organisationen zu kontaktieren. In einer Studie über die Inhalte solcher Beschwerden und ihrer Folgen wurden 55 Beschwerdebriefe an die Landespsychotherapeutenkammer NRW mittels qualitativer Inhaltsanalyse analysiert. Die Briefe waren für die Forschungsarbeit anonymisiert und stammten alle aus abgeschlossenen Beschwerdeverfahren. Es zeigte sich ähnlich wie in Studien, die auf Beschwerden beim Verein Ethik in der Psychotherapie e.V. basieren, dass am häufigsten über Verletzungen der psychotherapeutischen Basisvariablen berichtet wird (Kaczmarek et al., 2012; Lange, 2009). Im Unterschied zu den Befunden des Ethikvereins wurden jedoch deutlich weniger Fälle sexueller Grenzüberschreitung vorgebracht. Die häufigsten Folgen einer Beschwerde waren eine Veränderung der Symptomatik und eine Veränderung der therapeutischen Beziehung. Die Befunde beleuchten, was im Schatten guter psychotherapeutischer Arbeit passiert, und deuten darauf hin, dass schwerwiegende Grenzverletzungen eher an Beschwerdestellen mit niedrigschwelligem Zugang eingebracht werden.

Inga Ladwig, Winfried Rief (Marburg), Yvonne Nestoriuc (Hamburg)

Aufklärung von Psychotherapiepatienten - Qualitative Interviewstudie zur Nützlichkeit von Aufklärung zu negativen Effekten von Psychotherapie aus Patientensicht

Im Sinne des Patientenrechtegesetzes besteht die Pflicht zur umfassenden und rechtzeitigen Aufklärung zu möglichen negativen Effekten von therapeutischen Interventionen. Bisher liegen nur wenige Daten vor, ob und wie diese Aufklärung in der Praxis umgesetzt wird. Zu deren Untersuchung wurden aus einer Onlinestichprobe [1] ehemaliger Psychotherapiepatienten ein Subsample rekrutiert und auf Basis des „Inventar zur Erfassung negativer Effekte nach Psychotherapie“ (INEP) ein halbstandardisierter Interviewleitfaden erstellt. N=24 ehemalige Psychotherapiepatienten (75% weiblich, i.D. 39,9 Jahre) wurden daraufhin zu Vorhandensein und Nützlichkeit von Aufklärung über mögliche negative Effekte von Psychotherapie telefonisch befragt. Die offenen Fragestellungen wurden mit Hilfe der strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring unter Einsatz des Textanalysesystems MAXQDA (V. 10) analysiert.
11 Patienten (42,8%) gaben an, sich zu Therapiebeginn nicht bewusst gewesen zu sein, dass Psychotherapie auch negative Effekte haben kann. Zudem berichtete nur eine Person, durch den Psychotherapeuten ausreichend aufgeklärt worden zu sein. Bezüglich der Nützlichkeit von Aufklärung zu Beginn der Psychotherapie sprachen sich 40% für eine Aufklärung aus, 40% klar gegen eine Aufklärung und 20% sind unentschieden. Desweiteren werden Gründe bezüglich des Wunsches bzw. Ablehnung von Aufklärung und gewünschte Aufklärungsinhalte aus der qualitativen Befragung vorgestellt.
Die Ergebnisse unterstützen die Hinweise in der Literatur, dass trotz ethischen und gesetzlichen Verpflichtungen zur Aufklärung, diesen kaum durch Psychotherapeuten nachgekommen wird. Jedoch besteht gleichzeitig unter den Patienten eine Ambivalenz darüber, ob und wie eine ausführliche Aufklärung zu negativen Effekten erfolgen soll. Auf Basis der unterschiedlichen Aussagen der Studienteilnehmer könnte u.U. eine Kombination von detaillierteren schriftlichen Hinweisen, und einer zusätzlichen mündlichen Aufklärung durch den Therapeuten, vorteilhaft sein.

Dieter Kleiber (Berlin)

Discussant