Kongressbericht 2016 - Ein Blick auf die dunkle Seite des Mondes

Selten war der Kongress für klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung mit seinem Thema aktueller als in diesem Jahr. „The Dark Side of the Moon – Krisen, Traumata … - verlorene Sicherheit zurückgewinnen“ – mit diesem Thema wollte die Inhaltliche Planungsgruppe des DGVT-Kongresses den Blick der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf Personengruppen ermöglichen, die schwerpunktmäßig nicht im Fokus der Psychotherapieforschung und oftmals auch im klinisch-psychologischen Alltag am Rande stehen, darunter Migranten und Flüchtlinge. Das Rahmenthema gewann mit der aktuellen gesellschaftlichen Lage in Deutschland und Europa eine hochpolitische Bedeutung.
Im Aufruf zur Mitarbeit wurden Fragen gestellt wie: Welche Behandlungsangebote sind für schwersttraumatisierte Menschen besonders effektiv? Wie können Menschen mit einer chronischen psychischen Erkrankung von einer guten Psychotherapie profitieren? Was ist bei einer psychotherapeutischen Behandlung von hochbetagten Menschen zu berücksichtigen? Wie muss der Zugang zur psychotherapeutischen Behandlung für Menschen in prekären Lebenslagen gestaltet werden, damit sie ihn nutzen können? Welchen Beitrag können klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung leisten, damit Menschen in unsicheren Lebensverhältnissen Sicherheit zurückgewinnen können? Die Lebenssituation von Menschen mit einem Migrationshintergrund oder von Menschen, die vor Bürgerkrieg, Terror und Gewalt nach Deutschland geflüchtet sind, sollte ähnlich wie die anderer  Personengruppen, die in der Regel nicht im Fokus der klinisch-psychologischen Arbeit stehen, besonders berücksichtigt werden.

Die politische Lage im Februar 2016 gab dem DGVT-Kongress eine politische Brisanz. Statt – wie geplant – „dunkle Stellen“ auszuleuchten, waren diese „dunklen Stellen“ durch die aktuelle politische Debatte in das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit geraten. Die wachsende Zahl der vor Krieg, Gewalt und Terror nach Europa und Deutschland geflüchteten Menschen hatte große Teile der deutschen Bevölkerung verunsichert. Die geflüchteten Menschen ha-ben Sicherheiten verloren und durch ihre Flucht in den Norden fühlen sich Einwohner in Deutschland und Europa in ihrer Sicherheit massiv bedroht und gefährdet. Die Zahl der traumatisierten Menschen, die mittlerweile in Deutschland leben, so Frank Neuner -Professor für klinische Psychologie an der Universität Bielefeld - in seinem Eröffnungsvortrag stellt die klinische Psychologie und die Psychotherapie vor neue Fragen. Unstreitig, so Neuner, brauchen diese Menschen eine gute und schnelle psychotherapeutische Intervention, um Sicherheit im Alltag zurückzugewinnen, um das eigenen Leben wieder gestalten zu können. Aufgrund seiner Erfahrungen mit der narrativen Expositionstherapie in verschiedenen Krisenregionen dieser Welt berichtete  Neuner von eigenen Versuchen, psychisch stabile Menschen aus dem gleichen Kulturkreis durch eine Kurzausbildung so zu qualifizieren, dass diese als „Laientherapeutinnen und –therapeuten“ dazu beitragen traumatisierte Menschen psychisch zu stabilisieren und  ihnen dabei helfen, verlorene Sicherheit zurückzugewinnen.
Einen ähnlichen Vorschlag unterbereitete Meryam Schouler-Ocak, Privatdozentin und Oberärztin für Psychiatrie und Neurologie an der Berliner Charité, die als Vorstandsmitglied der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosoziale Gesund-heit e.V. im März 2014 für ihr soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. In ihrem Abschlussvortrag zur psychosozialen Lage von Migranten am Sonntagmorgen berichtete auch sie von guten Erfahrungen mit dem Einsatz von qualifizierten PsychotherapeutInnen geschulten Laientherapeutinnen und –therapeuten“ bei traumatisierten Menschen.

Diese Vorschläge, „Laien“ durch eine schnelle Ausbildung für eine Kurzintervention bei traumatisierten Menschen auf der Flucht zu qualifizieren, wurden von verschiedenen psychotherapeutischen Fachgesellschaften stark kritisiert. Zum einen führe dies zu einer De-Qualifikation der Psychotherapie. Andererseits könne dies zu einer Re-Traumatisierung der Menschen führen, wenn „Laien“ ungenügend ausgebildet und damit ungenügend qualifiziert seien. Die Diskussion, ob betroffene Menschen andere betroffene Menschen beraten und mit dieser Beratung unterstützen und stärken können, wurde in dem Symposium zur „Unabhängigen Beratung“ ebenfalls thematisiert. Bei Menschen mit Behinderungen sind Peer-Counseling und Peer-Support mittlerweile anerkannte Methoden, um Menschen zu befähigen, ihr Leben selbstbestimmt zu leben.
Von ähnlichen Entwicklungen berichtete Rolf Rosenbrock, em. Professor für Gesundheitswissenschaften an der TU Berlin, langjähriges Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, seit 2012 Vorsitzender des PARITÄTischen Wohlfahrtsverbandes und seit 2015 Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), in seinem Vortrag am Donnerstagvormittag zu „Prekäre Lebenslagen: Formen, Wirkungen und was dagegen zu tun wäre“. Rosenbrock beschrieb die ungleichen Gesundheitschancen für Menschen in prekären Lebenslagen und warb für eine Stärkung des salutogenetischen Ansatzes in der Gesundheitsförderung und Prävention, der Menschen ermutigt und befähigt, ihr Leben selbstbestimmt zu leben. Damit dies gelingen kann, so Rosenbrock, müssen auch die politischen Bedingungen prekärer Lebensverhältnisse in den Blick genommen werden.

Auch die anderen Hauptrednerinnen und –redner zeigten neue Perspektiven für die psychotherapeutische Versorgung der Personengruppen auf, die bislang eher im Schatten standen. Andreas Kruse, Professor und Leiter des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg und Vorsitzender der Siebten Altenberichtskommission der Bundesregierung, warb in der City-Night-Lecture am Donnerstagabend für einen neuen Blick auf das Alter. Ältere Menschen von heute, so Kruse, wollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben und teilgeben. Äl-tere Menschen von heute sind gesünder und aktiver als vergleichbare ältere Menschen vor zwanzig oder dreißig Jahren. Die Studie über das Leben hochbetagter Menschen belegt, dass auch Menschen, die zwischen 90 und 100 Jahre alt sind, noch selbstbestimmt und selbstständig leben können und leben wollen. Sie sehen einen Sinn im Leben, wenn sie andere – insbesondere die Enkelgeneration – unterstützen und fördern können.

Die Professorin des Arbeitsbereiches Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Hamburg, Tania Lincoln, führte die Weiterentwicklungen psychologischer und psychotherapeutischer Interventionen für Patienten mit Schizophrenie aus. Zunächst beschrieb sie das Kontinuum von Wahnphänomenen in der Gesamtbevölkerung, welches verdeutlichte, dass Licht und Schatten fließend ineinander übergehen können. Sie beschrieb neueste Erkenntnisse zur Behandlung einer paranoiden Schizophrenie, die vor allem an der Bewertung der Fehldeutung ansetzen, die ,so Lincolns Hypothesen, durch Angst, einen niedrigen Selbstwert und voreiliges Schlussfolgern zustande kommt. Mit diesen zutiefst menschlichen Überlegungen normalisiert Tania Lincoln das Erleben und Verhalten von Patienten mit Schizophrenie und holt sie damit aus dem Schatten der psychotherapeutischen Versorgung. Erstmals werden in England mittlerweile kognitive Therapieansätze bei Schizophrenie ohne weitere medikamentöse Behandlungen erforscht. Ebenfalls aus Hamburg kommend und mit der Kommunikation einer schwer zugänglichen Patientengruppe befasst, führte Dr. Andreas Krüger am Samstagmorgen die Schwierigkeiten beim Zugang zu schwersttraumatisierten Kindern und Jugendlichen aus. Diese Traumatisierung müsse zu nächst erkannt werden und anschließend brauche es eine gemeinsame Sprache, um überhaupt daran arbeiten zu können, so Krüger. Das Ziel einer Intervention sei dann auch hier, dass das Kind am Ende Mitgefühl für sich selbst empfinden könne und ausreichend Handlungskompetenzen habe, um für sich zu sorgen. Gleiches gelte für fürsorgende Erwachsene, was auch hier die notwendige Stärkung und Einbindung von „Laien“ – in diesem Fall der Eltern oder anderen Aufsichtspersonen – unterstreicht.

Der DGVT-Kongress 2016 war mit seinem Rahmenthema ein unerwartet politischer Kongress. Rudi Merod, DGVT-Vorstand, berichtete in der Eröffnungsveranstaltung von einem Offenen Brief des DGVT-Vorstandes an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Sigmar Gabriel, in dem die DGVT die Bundesregierung in ihrer Haltung unterstützt, Menschen auf der Flucht Zuflucht und Gastfreundschaft zu gewähren. Weiterhin mahnt der Brief die Politik, die UN-Menschenrechte und die Genfer Flüchtlingskonvention zu beachten, und den Menschen durch eine gute Erstversorgung und eine angemessene psychotherapeutische Intervention physische und psychische Sicherheit zurückzugeben. Der DGVT-Kongress hat mit der unerwarteten Debatte um eine qualifizierte „Laientherapie – und –beratung“ ein altes Thema im psychotherapeutischen Diskurs neu belebt. Die Frage, wie Menschen befähigt werden können, selbstbestimmt zu leben, gewinnt an Aktualität und Brisanz.
 
Saskia Scholten
Bernhard Scholten